Sonntag, 29. Januar 2012

Vergessene Systeme, Teil I



In früheren Jahren hatte man nicht diesen Überflüss an Trainingsmöglichkeiten wie heute. Man hatte deutlich weniger Gerätschaften, es gab kein Internet und es gab nicht tausende "Coaches", die heute ihr Wissen preisgeben und oft auch leider in die Irre führen. Sinn dieser Serie ist es, Trainingssysteme früherer Jahre hervorzukramen. Ich recherchiere seit Monaten nach solchen Materialien, habe viele Bücher importiert, Leute kontaktiert und Quellen angezapft. Hierbei gleich einmal zu empfehlen als eines der besten Werke, die ich je gelesen habe, ist "Muscle, Smoke and Mirrors" von Randy Roach. Über 500 Seiten an Wissen von früher, exakt und genau recherchiert. Mittlerweile gibt es auch Teil II und Teil III soll auch noch rauskommen. Ein umfassendes geschichtliches Werk. Wer wissen will, wie es wirklich zuging damals, der ist damit bestens bedient. Der Autor steht mir in der kommenden Woche auch für ein längeres Gespräch zur Verfügung, er ist ein wandelndes Lexikon.

Venice Beach, Kalifornien, irgendwann in den 40er-Jahren:
Zwei austrainierte, schlanke Gestalten stehen an einem der vielen Dips-Barren und schuften seit einer Stunde. Einmal der eine, dann wieder der andere hauen Wiederholung um Wiederholung raus, sie schwitzen und keuchen, doch sie haben Spass an der Sache. Dips, eine Übung, die seinesgleichen für den Oberkörper sucht, Trizeps, Brust, Schultern, Lat und Bauch bedient vom feinsten. Das gleiche werden sie nachher auch noch mit Klimmzügen machen. 500 Wiederholungen gesamt an diesem Tag. 4-5mal die Woche geht das so. Langweilig? Nein. Effektiv eher. Wer trainiert heute noch so? Nur mehr wenige. Diese beiden Gestalten waren Jack LaLanne und Dan Lurie, zwei Größen, die man kennen muss. Ersterer verstarb im Vorjahr leider im Alter von 96 Jahren (!). Er hatte bis zu seinem Tod täglich trainiert. Zweiterer lebt noch, geht ebenfalls auf den 90er hin und trainiert noch. Training wie dieses muss also Wert haben, wenn man es bis ins hohe Alter tun kann.


Hier eine Aussage von Dan Lurie in einem Interview:
I did 1665 pushups in 90 minutes and 1225 parallel dips in 90 minutes. I lifted 285 lbs. with one hand over the head. That one was a specialty. I did 1200 pullovers with 55 lbs. Crazy things. Things that involved endurance. People today don't do this type of training.
They train with heavier weights and they end up with injuries and have to stop for a while. I wasn't going to get hurt. I found my body responded to hundreds and hundreds of repetitions with a lighter weight - 100 lbs.


Ich habe in den letzten Monaten ebenfalls viel umgestellt bei mir. Trainiere mehr mit hohem Volumen mit dem eigenen Körpergewicht. Weniger mit Gewicht. Was tat sich dabei. Meinen Gelenken geht es besser, ich wurde definierter und fühle mich wohler, auch die Muskelkater sind angenehmer geworden, ich denke so etwas ist langfristiges Training. Die Einheiten blieb aber dennoch hart. Es geht enorm auf die Kraftausdauer und Pumpe sowas. Anstoss waren Blogposts von Kamerad Alex Lechner, aber auch die PLP-Geschichte von Chad Waterbury. Alex arbeitet auf die Barbarian-Requirements hin. Diese sind dem Training von Lalanne und Lurie sehr sehr ähnlich. Ich denke die beiden hätten damit keine Probleme gehabt. Wenngleich diese Anforderungen enorm sind!


Heute habe ich im Gedenken an Lalanne und Lurie trainiert. Alle 2 Minuten das 6-Meter-Seil hoch und danach 10 Liegestütze. 25 Runden davon, nach 50 Minuten war Sense. Was für ein Brennen :-)


Ich habe 2009 bei meinem Besuch in Venice Beach viele Leute so trainieren gesehen. Einer hieß Dan, ein Schwarzer. Wahnsinns-Körper und Kraft ohne Ende. Er hat wie ich an den Seilen dort trainiert am Strand. Stundenlang. Ist sicher 30 mal hochgegangen insgesamt. Ich habe ihn gefragt, was er sonst alles macht. Seine Antwort: "Seil, Dips und Stiegensprints". Das ist sein Fitnessprogramm. Dreimal die Woche, wie ein Uhrwerk. Meist mit Kameraden, oft aber auch alleine. Seit Jahren!


Man sollte sich überlegen, ob das nicht auch was ist. Langhantel, Kurzhantel, Kettlebell, Maschinen und so in allen Ehren. Aber Training mit dem eigenen Körpergewicht hat einfach was. Man muss beileibe kein Turner werden, sondern die Basics einfach schärfen und machen. Und nicht mit mickrigem Volumen. Sondern das Kraftwerk hochfahren Stück für Stück. Wer glaubt, 50 Klimmzüge gesamt sind etwa viel, dann irrt er. Hochfahren. Nur das bewirkt wirklich dann einen Effekt.


Mein Trainingsfreund Karl Humer trainiert seit Jahren ebenfalls so. Richtung Kraftausdauer, viel mit dem eigenen Körpergewicht. Kein Wunder, dass er noch so fit ist.


Teil II ist nicht weit. Bis dahin weiterhin eine gute Reise...


P.S.: Das oben im Bild ist natürlich the "Godfather of Fitness" Jack Lalanne.

Kommentare:

Kettlebär hat gesagt…

Wieder einmal ein beeindruckender Blogeintrag! Du zeigt immer wieder auf das Training so simpel sein kann. Keine Hundertschaft von Tools oder Programme für 100$ (aber nur noch die nächsten 11 Stunden im Angebot...)

Weiter so Dominik!

guymod hat gesagt…

Für mich persönlich, einer der motivierendsten Post der letzten Zeit. Wenngleich die letzten Sachen wirklich interessant waren bzw. absolut beeindruckend (Johann Martin), verspüre ich diesmal gleich beim Lesen den Drang genau mit der hier propagierten Einstellung weiter zu trainieren. Nicht "back to basics" sondern gleich dabei bleiben und wie du schreibst diese an die Spitze treiben. Ich bin noch meilenweit von solchen Zahlen entfernt, wie sie diese beiden Vorzeigeathleten erreicht haben. Hab das mit den Pushups mal auf die Minute runtergerechnet, das sind satte 18-19 Wdhg/min und das über den Zeitraum von 90 Minuten!

Interessante Idee mit der neuen Serie über alte Methoden. Bin gespannt auf Teil II...

PS: Beim PLP war's heute Tag 23, also jeweils 32 Wdhg. Kleine Steigerung bei den Klimmzügen (Parallelgriff) macht sich bemerkbar. Pushups und Ausfallschritte machen sich nach wie vor locker, somit gab's beim üblichen Programm bisher keine grösseren Einschränkungen.

typ hat gesagt…

spitzenmäßiger artikel - so motivierend. ich hab gleich ein paar liegestütz/ dips gemacht. :D

nicossi hat gesagt…

ich kann mich nur den kommentaren der anderen anschließen. wieder einmal sehr informativ und animierend. training kann eben doch simple sein, was nicht heißt das es einfach ist. heutzutage ist es in allen lebensbereichen gleich; was heißen soll einfach reizüberflutung bzw. information-overload oder noch besser zu viele varianten. simple beispiele: wer braucht *zig sorten erdbeerjoghurt oder die handyvielfalt usw. "as simple as it gets!" heute z.b. war ich nur 90min straff laufen; durch den schnee; mit rucksack; samt 20kg kettlebell drinnen. war danach auch ein schönes gefühl den körper zu spüren. schöne grüße an alle und weiterso!!!

Alexander Schmidt hat gesagt…

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